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Die Dominanz der Farbe: Besuch im Atelier von Heinz Seibert Ein Erlebnisbericht von Annegret Wiesemüller – Ausstellung in der Galerie „Akzent“
Der in Lauterbach lebende Maler und Graphiker Heinz Seibert, eine der bedeutendsten Künstlerpersönlichkeiten im Vogelsberg, stellt derzeit einige seiner Werke in der Galerie „Akzent“, Am Graben 5 in Lauterbach aus. Als Vorstellung des Wesens der ausgestellten Werke soll der Bericht von einem Besuch in Seiberts Atelier dienen.

Im ersten von zwei kleinen Räumen unterm Dach lehnen großformatige Gemälde aneinander, die auf den ersten Blick erahnen lassen, dass es Heinz Seibert weniger auf die isolierte Form als auf die suggestive Erfahrung von Stimmungen ankommt. Die Dominanz der Farbe gegenüber dem Gegenständlichen ist unübersehbar und von besonderem Reiz. Unwillkürlich wird man in die Stimmung hineingezogen, von der sich der Maler in Südfrankreich inspirieren ließ.
Mediterranes Blau: Reizvoll wirken Gemälde, auf denen mitten in mediterranen Blautönen ein Menschenpaar oder auch eine Harlekinfigur angedeutet sind, ein einzigartiges Zusammenspiel von Licht, Luft und Landschaft. Doch es sind nicht die Farbnuancierungen allein, die den Bildern, die der Künstler „Sandbilder“ nennt, eine besondere Ausstrahlung verleihen. Es ist auch die Schönheit des verwendeten Materials, das jedes Bild einmalig wirken lässt.
Ockererde, dieses lockere Gemenge aus Ton und Eisenoxyd, ist die Grundsubstanz der Farben. Er trägt sie mit groben und feineren Pinseln dick, stellenweise sogar triefend direkt auf die Leinwand auf, oder auch einmal auf eine dünne Schicht von Eisenspänen. Dadurch gelingt eine reizvolle Hervorhebung in die Bildaussage hineingelegter Details.
Das malerische Werk von Heinz Seibert ist, wie er selbst sagt, keinem bestimmten Stilbegriff zuzuordnen. Es nimmt Momente des Impressionismus ebenso auf wie des Expressionismus, vom „Magischen Realismus“ oder der „Neuen Sachlichkeit“. Jedes Bild zeugt von innerer Konzentration und Versenkung, es legt nichts fest und lässt durch seine ästhetische Spannung der Phantasie freien Raum. Unter diesen Werken ist ein Gemälde mit dem Titel „Hommage á Paul Celan“, ein Bild mit hohem Symbolgehalt.
Was den Blick auf das zweigeteilte Gemälde zunächst einfängt, ist ein in hellen, luftigen Grautönen auf dunklem Hintergrund gestalteter Sessel, dessen Rückenlehne ein menschlicher Torso ohne Kopf ist. Um den Halsansatz ist ein breites Goldband mit einem Orden gelegt. Demgegenüber ein tiefes Rot. Loderndes Feuer, aufsteigende Flammen lassen Bedrohung und Ängste spüren, gleichzeitig aber auch die Hoffnung darauf, dass das Wort des Dichters dem entgegen stehen und -wirken kann.
Eine weitere Überraschung hält der angrenzende Atelierraum bereit, in dem Staffelei und Schreibtisch stehen. Auf einem schweren Holztisch liegt die große Zeichenmappe mit Feder- und Tuschezeichnungen, u. a. zu Worten des Dichters Arthur Rimbaud. Bei Betrachtung dieser Blätter wird deutlich, dass hier der Strich, die Linie das dominierende Mittel der Darstellung ist. Dem Künstler gelingt es auf faszinierende Weise, sich auf ein Mindestmaß grafischer Elemente zu beschränken und damit viel auszusagen. Schnappschüsse. In dieser Sammlung einzelner Blätter finden sich auch die „Schnappschüsse des Unmöglichen“, die gerade durch ungewohnte Kombination von Denkweisen befreien, durch die wir uns allzu gern Zeichnungen gefügig machen möchten. Zu sehen sind Einzelstudien zu Menschenbildern, zu menschlichen Köpfen und Gesichtern. Eines dieser Gesichter ist das einer Frau, das ganz schauend und in schönstem Sinne beseelt erscheint – wie eine Bestätigung der Erkenntnis Paul Cézannes, dass „die Kunst eine Harmonie parallel zur Natur“ sei.
Ein Besuch im Atelier beeindruckt durch die Vielfalt der schöpferischen Tätigkeit des Malers und Grafikers Heinz Seibert. Das Erlebnis intensiver Bildbetrachtung wirkt als Bereicherung des Sehens und der Sehgewohnheiten, die immer wieder in Frage gestellt werden sollten. Eine einfache Interpretation von Werken gibt es nicht, es kommt darauf an, sich immer wieder auf das Abenteuer Sehen und Verstehen einzulassen, Neues zu entdecken und sich davon berühren zu lassen. Eine Auswahl der Bilder Heinz Seiberts sind in der Galerie „Akzent“ bis zum 6. September zu sehen.
Anmerkung: Das im Bericht erwähnte "Atelier unterm Dach" hat Heinz Seibert inzwischen in seine Lauterbacher Wohnung verlegt.
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